Ankommmen (Eins)

Standard

Es ist der 9. September 2011, kurz vor Mitternacht, und ich stehe in der Ankunftshalle im Flughafen Madras. Vor drei Jahren ist mein Koffer schon einmal hier gelandet, weil jemand beim Sortieren des Gepäcks in Riyadh, unserem damaligen Wohnort, statt Ammam Madras gelesen hat. Eine ganze Woche lang bin ich dann mit meinen Kindern durch Jordanien gereist mit nichts weiter als meinem Rucksack auf dem Rücken, in den ich, als hätte ich es geahnt, noch kurz bevor ich unser Haus verlassen hatte, einmal Wechsel-Unterwäsche und mein Lieblings-T-Shirt gestopft hatte. Jeden Morgen, wenn die anderen noch beim Packen ihrer Siebensachen waren, wanderten meine Gedanken nach Madras und zu der Frage, und ob sich dort wohl jemand über die neuen Outdoor-Sandaletten gefreut hat, die ich für uns besorgt hatte… Der Koffer wurde am letzten Tag unseres Aufenthaltes in Jordanien ins Hotel geliefert – mit den Sandalen -, aber Madras hatte plötzlich einen Platz in meinem Leben. Bis dahin gab es nur ein anderes Madras, mit dem ich aufgewachsen bin, aber davon vielleicht später.

Jetzt stehe ich nun also hier, übermüdet und ein bisschen verloren, und weiß natürlich längst, dass es das Madras, von dem einige meiner Freunde geschwärmt haben als wäre es das versunkene Vineta, gar nicht mehr gibt, sondern dass da draußen eine hektische Stadt voller Verkehrlärm auf mich wartet, die auf allen neuen Karten Chennai (und manchmal in Klammern Madras) heißt… 

Es ist längst nach null Uhr, als ich durch die Pass- und Visakontrolle bin und mich in eine immer länger werdende Schlange einreihe, die bei einem Uniformierten endet, dessen Aufgabe darin besteht, jeden Pass noch einmal darauf zu prüfen, ob der Einreisestempel auch wirklich da ist.
Mit der Rolltreppe geht es zur Gepäckdurchleuchtung und dann warte ich wieder. Diesmal auf das Gepäck. Ich stelle mich ein paar Meter entfernt und beobachte, wie ein Koffer nach dem anderem aus einem Riesenmaul auf das Band gespuckt wird und gierige Hände danach greifen. Ein Inder rennt nach seinem Koffer und stößt mir dabei seinen um die Schulter hängenden Rucksack unsanft in die Brust. Er wirft mir einen anklagenden Blick zu und läuft weiter… Heißt das jetzt, ich bin in Indien angekommen? – Hoffentlich nicht.

Mein Mann wartet schon ungeduldig; inzwischen ist es fast ein Uhr. Wir treten nach draußen, wo die Brille meines Mannes erst einmal beschlägt, denn es ist heiß und feucht. Und es gießt in Strömen. Menschen rennen aufgeregt hin und her, Schirme werden über die Angekommenen gehalten, Männer, denen das nasse Hemd auf dem Leib klebt, begrüßen ihre Verwandten und schleppen schrankähnliche Koffer weg, auf dem Vorplatz schieben sich die Autos unter ständigem Hupen aneinander vorbei. Trotz des Chaos findet mein Mann den Fahrer und eine Minute später sitzen wir verschwitzt und durchnässt in einem rollenden Eisfach…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s