Ankommen (Zwei)

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Gerade mal eine Woche bin ich hier. Die Wohnung, die ich am Tag nach meiner Ankunft das erste Mal sehe, ist geputzt, die Kartons mit unserem Hausrat sind ausgepackt. Es bleibt nicht mehr viel zu tun… Meine Stimmung hindert mich am ENTDECKEN, das mir vor allem von jenen euphorisch ans Herz gelegt wurde, deren Alltag in einem sicheren Raster verläuft, nach dem ich mich manchmal sehne.

Es ist fast ein Glück, dass ich mit dem falschen Visum eingereist bin. So etwas kann auch nur mir passieren! Statt als „Dependant Spouse“, was soviel wie abhängige Ehefrau (oder –mann) bedeutet, bin ich mit knapp zweimonatiger Unterbrechung als touristischer Wiederholungstäter hier.  Da alles seine Ordnung haben muss, bin dankbar, als mein Mann mir vorschlägt, für ein paar Tage zu meiner Freundin nach Bangkok zu fliegen. 

Eine knappe Woche später stehe ich wieder am Einreiseschalter auf dem Flughafen Madras,  wieder ist es um Mitternacht. Ich habe im Flugzeug wieder so etwas wie eine Kreislaufschwäche gehabt und mich mehrmals übergeben, in Papiertüten, die mein Sitznachbar an der dafür vorgesehenen Perforation erst aufreißen musste, weil ich dazu nicht in der Lage war. Ich fühle mich schlapp. Hastig fülle ich das Einreiseformular aus und komme gar nicht auf die Idee viel Wert auf die Adresse zu legen. – Mein Fehler! Der Immigration-Officer (Pass-Kontrolleur) sitzt in seiner Box und tippt mit der Kulimine auf die Adresse: „Ausfüllen!“ Ich bin müde, kaputt und wütend. Und ich weiß den korrekten Namen unserer Straße nicht, hätte aber auch nicht geglaubt – was ich heute weiß, dass die meisten Chennais sehr wohl wissen, dass es zwar ein Wohngebiet gibt, dass R. A. (für Raja Annamala) Puram, aber keines mit dem Namen R. P. Puram. Auch kann ich die Angst der Behörde vor illegaler Einwanderung nicht ganz verstehen, denn ‘wer will schon freiwillig hier leben?‘, entspricht zur Zeit eher meiner Einstellung zu  Land und Leuten. Tränen der Wut und Erschöpfung steigen in mir hoch, als ich seehr bestimmt gebeten werde, aus der Reihe zu treten, um die anderen Wartenden nicht weiter zu behindern. Ich bin nicht die Einzige, mit deren Visum etwas nicht in Ordnung scheint, und wie die anderen vor mir gehe ich in der riesigen, bis auf die Schlangen an den Schaltern leeren Ankunftshalle zurück zu einem kleinen Büro an der linken Wand, in dem mehrer Uniformierte gleichzeitig versuchen, den Tatbestand mehrerer Abgewiesener zu klären.

Mein Bonus als hellhäutige Frau (das ist hier leider und manchmal Gott sei Dank noch so) lenkt die Aufmerksamkeit eines Offiziers auf mich und er hört sich mein Problem an. Dann erkundigt er sich nach meinem Mann und möchte, dass ich ihn anrufe, damit er mich abholen könne. Mein indisches Handy funktioniert aber seit Tagen nicht mehr. Und mein Mann sitzt zu diesem Zeitpunkt wegen einer Dienstreise noch im Flieger von Delhi nach Chennai. Mir kommen ungewollt die Tränen, was sein Beamtenherz erweicht. Wortlos setzt er seine Unterschrift auf mein Formular und schickt mich zurück zur Passkontrolle. Zunächst stelle ich mich beim gleichen Schalter an, wie um den Wartenden zu bedeuten, dass ich schon einmal hier war. Als der Beamte jedoch permanent durch mich hindurchsieht als wäre ich Luft und die nächsten in der Reihe aufruft, drängle ich mich am Nebenschalter dazwischen, in Kopf die Krallen schon ausgefahren, falls sich jemand aufregen sollte… Ich weiß, dass mein Gesicht in solchen Situationen Bände spricht. Ich erschrecke selbst vor mir, wenn ich mich in solchen Momenten im Spiegel ertappe. Die Beamtin beeindruckt das nicht. Sie studiert mein Einreiseformular gründlich und fragt nach meiner Telefonnummer, die ich nicht angegeben habe, weil das Handy ja ohnehin nicht funktioniert. Anstatt die Nummer zu notieren, bedeute ich hier, dass ich ja eben erst einreise würde und deshalb noch keine Telefonnummer haben kann, was ja irgendwie logisch ist. Ich bin sicher, damit durchzukommen, aber weit gefehlt. „Dann können Sie das Land nicht betreten.“ Ich bin baff. Welche Logik! Bevor ich die Nerven wieder verliere, biete ich ihr meine deutsche Nummer an und sie dreht ihren wiegend Kopf leicht von einer zur anderen Seite – ein wenn auch nicht klares Ja. Also kritzele ich meine O2-Nummer auf den Schein… Es könnte auch jede andere Zahlenkombination sein, aber was soll’s.

Mit meinem übergewichtigen Handgepäckkoffer voller Lebensmittel von „Otto“, der deutschen Bäckerei + Restaurant in Sukhumvit, der prallen Handtasche um die Schulter und zwei Duty-free-Plastikbeuteln um das Handgelenk schleppe ich mich nach draußen, vorbei an all den Schildern, auf denen Namen gekritzelt oder gedruckt sind von Menschen, die in diesen frühen Morgenstunden von Fremden erwartet werden. Ich sehe unseren Fahrer, der nicht ahnen kann, dass ich ihm vor Erleichterung über seinen Anblick am liebsten um den Hals fallen würde…

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