Navaratri-Festival

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Heute bin ich drei Wochen in Indien. Nicht wirklich, denn fast eine ganze Woche bin ich zwischendurch in Bangkok gewesen, weil ich mit dem falschen Visum eingereist war. Aber es fühlt sich an, als wäre ich angekommen, oder nein, eigentlich bin ich eher auf meinem Weg…

Ich fühle mich total fiebrig und komme einfach innerlich nicht zur Ruhe. Ich bin aufgeregt. Es fühlt sich so an, als würde ich durch einen dichten Wald laufen, überall sind fremde, in ihrer Neuheit und Farbenpracht wunderbare Blumen verstreut, die zu pflücken ich nicht widerstehen kann. Aber sie sind so zahlreich, dass ich nicht weiß, wohin ich mein Auge zuerst wenden soll. Mit der einen Hand greife ich nach einem, wie es scheint, besonders ausgefallenem Exemplar, da haben meine Augen schon etwas noch Schöneres entdeckt… Bevor ich eine Pflanze pflücken und in Ruhe betrachten kann, treibt es mich weiter zur nächsten. Da sind Zweige, die mir zuwinken, die mich zu streicheln scheinen, und Äste, die sich mir drohend entgegenstrecken und denen ich instinktiv auszuweichen versuche. Nicht immer gelingt mir das und manchmal sind es die Bäume selbst, die mir den Weg räumen – ob freiwillig und verständnisvoll oder widerstrebend und murrend, weiß ich nicht einzuschätzen. Und der Wald selbst – ein einziges undurchdringliches Gewirr, in dem ich mir immer wieder den Weg nach draußen suchen muss… Ich stehe auf einer Lichtung, schaue zurück und versuche zu verstehen… 

Egal, ob ich zu Fuß oder mit dem Auto unterwegs bin, jeder Weg ist eine kleine Entdeckungsreise. Und sooft ich manche Straßen in den letzten Tagen gefahren bin, immer wieder sehe ich Dinge, die mir bisher nicht aufgefallen waren. Ich sauge die Eindrücke auf wie eine Ertrinkende. Warum eigentlich? – Es ist, als ob mein Leben davon abhinge. Vielleicht stimmt das, denn Langeweile tötet, wenn auch ganz langsam. Ich komme aus dem Schauen und Staunen nicht heraus und bin „dauer-fasziniert“, elektrisiert: Von der farbenfrohen Kleidung der Frauen, den überquellenden Obstständen am Straßenrand, auf denen die Früchte dennoch fast pendantisch zu Stapeln und Pyramiden aufgebaut sind; vom Lächeln der jungen Obdachlosen, die sich mit viel Seife und einem dicken Wasserstrahl aus einem Schlauch morgens um 7 Uhr auf dem Fußweg gegenüber der aus Kokosfasern geflochtenen Hütte das Gesicht schruppt;  von den langen schweren, mit Sorgfalt geflochtenen Zöpfen der Inderinnen; der Frau auf dem Motorrad, deren bunter Sari mit dem zerschrammten Helm kontrastiert, aber auch vom Duft der sonnengereiften Tomaten, dem hohlen Klang der frischen Wassermelone… Ein Blick auf die Verkehrsschilder mit so verheißungsvollen Namen wie Mylapore, Anna Salai, Alwapet, Gopalapuram… Ich begrüße in Gedanken die Blumenbinderin, deren kleiner ärmlicher Verkaufsstand gleichzeitig Werkstatt und Zuhause für ihre Familie ist, glaube, den starken Dufts des Jasmins in meiner Nase zu spüren, beobachte, wie die dreijährige Tochter fröhlich am Straßenrand herumspringt und dabei doch bedachtsam ab und an aus einem kleinen Plastikbecher trinkt. Ich frage mich, ob sie unglücklicher als meine eigenen Kinder aufwächst – wahrscheinlich nicht. Ich bewundere die Gelassenheit, mit der sich die Menschen als Fußgänger, auf dem Fahrrad, Moped, in der Motorrikscha, dem Auto oder Bus auf der Straßen neben- und durcheinander, zwischendurch und kreuz und quer bewegen, ohne dass etwas passiert… Ich krame einen Geldschein aus meiner Tasche, um ihn der alten Bettlerin zu geben, die an die Autoscheiben klopft, doch bevor sie uns erreicht, hat sich der Stau aufgelöst – beim nächsten Mal vielleicht! Ich frage mich, ob dem Fahrradrikscha-Fahrer, der sein Gefährt, voll beladen mit Müll, am Straßenrand abgestellt hat und sich in dessen Schatten ausruht, noch Hoffnung geblieben ist. Ich bewundere die obdachlose Familie, die neben ihrem Unterstand ein Pappschild mit einer Handynummer aufgehangen hat und auf diese Weise ihre Dienste – sei es als Straßenkehrer oder Wächter – anbietet. Und da sind auch Bilder, die mich schockieren sollten, die ich aber, ausgerüstet mit Vorurteilen, die ich aus Deutschland mitgebracht habe, mehr beobachtend als bedauernd, keinesfalls jedoch wertend wahrnehme: Die dürren, schlafenden Gestalten, die den Fußweg auf der Brücke über den Kanal belagern, der einst das legendenumwobene Madras mit dem weiter südlich gelegenen französischen Ponticherry verband und das heute zu einer stinkenden, sich kaum noch bewegenden Kloake verkommen ist, an dessen Ufern sich baufällige Hütten aneinanderschmiegen. Als wären weder der zähfließende Autoverkehr mit dem obligatorischen Hupkonzert noch die Fußgänger, die ihretwegen auf die dichtbefahrene Straße ausweichen müssen, vorhanden. Ich weiß nicht, ob Gleichgültigkeit, Hoffnungslosigkeit oder einfach nur Erschöpfung dahintersteckt. Wenige Meter weiter uriniert ein Mann an die Brückenmauer. Auch das wird toleriert, wie jedes menschliche Bedürfnis gestillt werden muss; zum Beispiel mit frischem „Tea Tarek“ (mehrfach aus möglichst großer Höhe von einem Topf in den anderen gegossener süßer Tee mit Milch, der so eine leichte Schaumkrone erhält und heiß wunderbar schmeckt) in der Imbissbude drei Schritte weiter. Männer stehen geduldig davor und warten, bis ein Becher für sie gefüllt wird, den sie dann in kleinen Schlücken genießen. An anderen Ständen gibt es Dosais mit Sambar und Kokos-Chutney und das süße frittierte Gebäck mit viel Ghee, das die Inder lieben. Es duftet lecker und ich weiß, dass ich davon kosten werde. (Fortsetzung auf Seite 2)


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