Einwanderungsbehörde

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Im Shastri Bhavan Nummer 26 im Stadtteil Nungambakkan befindet sich das „Bureau of Immigration“ (im Beamtendeutsch die Einwanderungsbehörde) von Chennai. Ausgestattet mit einer dicken Mappe Unterlagen und einem indischen Mitarbeiter an unserer Seite treten wir eines Morgens hier an, um mich vorschriftsmäßig registrieren zu lassen. Die Gebäude liegen in einer parkähnlichen Anlage. Vor dem Haupteingang hat sich eine lange Schlange von Menschen gebildet, die erst einmal alle an dem Mitarbeiter vorbei müssen, der an einem kleinen Tisch vor dem Eingang „residiert“, bevor sie überhaupt einen Fuß über die Tür setzen dürfen. Ich denke, ‘das kann ja Stunden dauern!‘…

… Aber zum Glück bleibt uns das Anstehen erspart. Wir müssen ins Hinterhaus. Im Vorraum sind zwei Reihen mit sich gegenüberstehenden Stühlen aufgebaut. Nur auf der zum Raum hin zeigenden Reihe sitzen ein paar Leute. Wir setzen uns ihnen gegenüber, werden aber sofort von einem „guard“, in diesem Fall so etwas wie einen Platzanweiser, aufgescheucht. Wir haben uns genau neben die Person zu setzen, die vor uns gekommen ist. Eigentlich finde ich das albern, aber es macht natürlich Sinn, wenn man eine bestimmte Reihenfolge einhalten möchte und es keine Nummern gibt, die verteilt werden oder die man an einem Automaten ziehen muss. Nach einer Weile werden die vier Wartenden vor uns aufgefordert, in einen Raum am Ende des Ganges zu gehen und wir müssen nachrücken, bis die Reihe an uns ist und wir die heiligen Gemächer betreten dürfen. Dort das gleiche Spiel, obwohl die Stühle hier wie in einem kleinen Theatersaal angeordnet sind. Vorn, hinter einem großen Schreibtisch, sitzt ein schlanker Inder mit Brille, Bart und einem sehr ernstem Gesicht. Hier muss jeder einzeln vortreten, und jedes Mal, wenn die Reihe rückt, rutschen alle Wartenden einen Platz weiter. Damit das mit dem Bankrutschen auch reibungslos klappt, gibt es auch hier einen speziell dafür verantwortlichen Aufpasser, der ansonsten wahrscheinlich längst arbeitslos wäre.

Auf einem Abstelltisch neben dem Schreibtisch steht ein Computer. Unbenutzt. Der Beamte liest die mitgebrachten Unterlagen, stellt ein paar Fragen, wiegt nach der Anhörung in typisch indischer Manier seinen Kopf und reißt am Ende von einem dicken Block ein Formular ab, kritzelt ein paar Bemerkungen darauf und schickt den Antragsteller weg. Der kommt manchmal nach einigen Minuten zurück, manchmal nicht.  Auf einem einfachen Ständer sind Kunststoffscheiben wie Chips aufgereiht. Von Weitem sieht es aus wie ein kleiner blauer Turm. Ich kann mir keinen Reim darauf machen. Erst als die Reihe an uns ist und wir eine der Scheiben mit einer Nummer und dazu einen Zettel mit einem Buchstaben auf unsere Unterlagen gelegt bekommen, wird klar, dass es sich um gläserne „Wartenummern“ handelt. Wir wechseln wieder den Raum und sitzen nun vor einer Reihe von drei Schaltern, davon einer besetzt. „Unser“ Schalterfenster ist leer, weshalb sich eine halbe Stunde lang nicht bewegt. Mein Mann, der hier schon Stunden verwartet hat, ist gewillt auszuharren. Ich bin weniger geduldig und frage einen der Platzanweiser, ob dem Beamten, der uns die Nummer gegeben hat, klar gewesen sei, dass der angewiesene Schalter nicht besetzt ist. Daraufhin werde ich noch einmal in den ersten Raum geführt, die Glasscheibe wird ausgetauscht und die Nummer auf dem Zettel korrigiert. Zwar sitzt nun hinter dem neu zugewiesenen Schalter eine Mitarbeiterin, diese ist aber damit beschäftigt, einen dicken Aktenstapel durchzuschauen und Daten in den Computer einzugeben. Ich habe also nichts gekonnt. Ein koreanischer Junge läuft auf tapsigen Beinen zwischen den Stuhlreihen umher – einzige Ablenkung für die rund 30 Wartenden. Als dann auch noch der erste Schalter „schließt“, da die Mitarbeiterin nichts besseres zu tun hat, als ebenfalls Akten durchzusehen, sinkt die Stimmung im Raum zwar merklich, aber äußerlich geschieht nichts. Hier müssen alle durch und es hat keinen Sinn sich zu beschweren. Niemand stöhnt oder murrt laut; nach außen ist alles Gelassenheit. Zwei Stunden später sind wir endlich am dran. Die Mitarbeiterin hinterm Schalter prüft umständlich die Unterlagen auf Vollständigkeit. Jede Kopie wird abgehakt, auch der offizielle Brief von Eckhards Firma, in dem bestätigt wird, dass ich als mitreisende Ehefrau meinen bei Siemens beschäftigten Mann begleite… Die Beamtin blättert vor und zurück und ich habe Zeit, mir den schäbigen Raum hinter dem Schalter anzuschauen: Die Fenster verdreckt und voll alter Spinnweben, natürlich vergittert. Die Jalousien zerrissen und seit langem nicht mehr zu gebrauchen, die Wände fleckig. Wo ich auch hinblicke, alles in diesem Raum ist, wenn schon nicht hässlich so doch trist. Selbst die Schreibtische schmucklos, ohne den obligatorischen Rahmen mit dem Fotos der Kinder, dem Talisman vom letzten Urlaub, keine Kinderzeichnungen, nur Schmutzflecke an der Wand… Hinter den Schreibtischen sitzen die Beamtinnen – Frauen in farbenfrohen Saris. Warum fällt ihnen nicht auf, wie schmutzig es hinter ihren Schreibtischen ist und wie trostlos dieser Raum wirkt? Warum sind viele Inder so gleichgültig gegenüber Dreck und Verwahrlosung, die das Straßenbild von Chennai prägen? Wieso wird alles so lange benutzt bis es zusammenfällt, ohne es instandzuhalten?! Ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Nachdem die Dame mehrmals in den Unterlagen hin- und hergeblättert hat, kommt nun die befürchtete Frage: „Wo ist der Firmenbrief, der bestätigt, dass ihre Frau nicht arbeitet und keinen Lohn bezieht?“ Mein Mann verweist auf den  „Company-letter“, der im Grunde genommen genau das aussagt. Diesmal ist die darauf folgende Kopfbewegung ein eindeutiges Zeichen von Unzufriedenheit, gefolgt zum sicheren Griff zum dicken A-4-Formularblock,  auf dessen erste Seite sie nun ein paar unleserliche Zeilen schreibt. Wir sind entlassen… (Fortsetzung auf Seite 2) 

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