Es stinkt.

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Eine typisch deutsche Frage…

Wie ist das mit den Gerüchen und mit der Sauberkeit ist eine Frage, die immer wieder in Mails an mich auftaucht… Ein bisschen was habe ich darüber ja schon geschrieben, und wer sich die Bilder mit den überquellenden Mülltonnen in der Galerie angeschaut hat, kann sich selbst einen Reim darauf machen… Würde mich jemand fragen, was mir zuerst zu Chennai einfällt, dann würde ich heute wahrscheinlich spontan antworten: „Der Dreck in den Straßen!“ Tatsächlich ist das ziemlich belastend, denn es sieht nicht nur hässlich aus, es stinkt auch extrem, vor allem, wenn die Sonne scheint. Dann wird der Gestank überwältigend.

Auf meinem Weg zum Yogazentrum, den ich jeden Abend zurücklege, bin ich den unterschiedlichsten Gerüchen ausgesetzt – Abgase zunächst, wenn ich die Hauptstraße überquere. Im Lichtkegel der Scheinwerfer ist die Kohlenmonoxidwolke deutlich zu sehen. An der nächsten Kreuzung duftet es nach den frittierten Snacks, die dort angeboten und auch gern verspeist werden. Die folgende Straße ist geruchsmäßig relativ neutral. Hier sind unter anderem Internetcafé, Reisebüro, Elektoladen, Juwelier, Heimwerker, Gemüsestände, an denen das Korianderkraut frischer als im Lebensmittelgeschäft ist, und noch viele andere Läden angesiedelt, die ich möglicherweise noch gar nicht entdeckt habe… Eine Krähe pickt in einem großen Klecks Auswurf und zieht den Schleim mit dem Schnabel nach oben. Mich hebt es fast. Einige Meter weiter hockt eine weitere dicke Krähe auf dem Rand einer Mülltonne und hackt auf einem langen fleischigen Regenwurm herum… Viel Zeit zum Nachdenken und Umsehen bleibt jedoch nicht, denn man muss als Fußgänger ständig auf den Verkehr achten. Der kommt normalerweise, wenn ich auf der rechten Seite gehe, von vorn. Häufig nutzen aber Auto-, Motorrad- und auch schon mal ein übermütiger Rikschafahrer, die in meine Richtung unterwegs sind, die für einen Moment freie Gegenfahrbahn aus und überholen auf der rechten Seite. Inzwischen zucke ich aber auch dann nicht mehr zusammen, wenn hinter mir lauthals eine Hupe ertönt und dann ein Auto an mir vorbeirauscht. Der Geräuschpegel ist im Allgemeinen ohnehin so hoch, dass man wirklich nur das Hupen hört, nicht aber das Motorengeräusch.

Üblicherweise biege ich nicht in die erste Gasse linkerhand ein, sondern nehme die zweite, etwas breitere. Ganz am Anfang steht auf der rechten Seite ein kleiner Tempel und es duftet fast immer nach Räucherstäbchen, was ich angenehm und irgendwo anheimelnd finde. Außerdem macht mir die friedliche Atmosphäre vor und im Tempel, dessen Türen um diese Zeit immer weit geöffnet sind, Mut auf meinem Weg durch die Gasse, der ansonsten der reinste Spießrutenlauf wäre. Deutlicher wie anderswo spüre ich jeden Tag aufs Neue, dass ich eigentlich nicht hierhin, nicht dazu gehöre. Selten spricht oder pöpelt mich jemand an, aber es gibt auch keine freundlichen Blicke und niemand macht sich die Mühe, mir auszuweichen oder mir Platz zu machen. So bin ich es meistens, die zur Seite tritt oder stoppt, um den dürren, schmutzigen Arbeiter, die Frau im lässig um den Körper geschlungenen Sari, der die Speckfalten um die Hüfte nicht verdeckt, passieren zu lassen… Obwohl ich diesen Weg nun schon so oft gegangen bin, wirkt er kein bisschen vertrauter als beim ersten Mal.
Linkerhand reihen sich Werkstatt an Werkstatt, kleine schmutzige Buchten eigentlich nur, die an den grauen Hauswänden kleben und die so vollgestopft mit Arbeitsgeräte, Werkzeug, Ersatzteilen, Reifen… sind, dass kein Platz zum Arbeiten darin ist. Und so wird auf der Straße davor gehämmert, geschweißt, geklopft, geschraubt, gestrichen und geputzt. Es gibt immer Männer und Kinder, die Maulaffenpfeil halten, während einer oder maximal zwei Leute arbeiten. Hier werden vor allem Zweiräder und Motorrikschas repariert. Da wird ein Untergestell abgeschliffen und neu gespritzt, dort ein Reifen gewechselt, hier ein Metallblech geschweißt… Rechterhand ist eine hohe Mauer, die zu einem großen Schulgrundstück gehört, dass sich bis auf Höhe des Yogazentrums erstreckt. Vor der Mauer stehen kaputte, zerbeulte, entkernte Rikschas und Motorräder, auch der eine oder andere Lastwagen – Fahrzeuge, die vielleicht auf Reparatur warten oder zum Ausschlachten gedacht sind. Zwischen den Werkstätten gibt es zwei kleine Lagerräume, bis zur Decke mit Papier der eine, der andere mit Säcken, die bis auf die Straße quellen, vollgestopft.. Dazwischen liegen Kunststoffabfälle, Papier und Glas. Die Männer, die hier arbeiten, sind besonders dunkel, schmächtig und schmutzig. Sie tragen oft nicht mal ein Hemd und einen nach oben gebundenen, verdreckten Lunghi, die Haare verfilzt. Die Müllmänner und die Straßenkehrer gehören meist zu den Unberührbaren, auch wenn es diese Bezeichnung offiziell nicht mehr gibt. Ich glaube nicht, dass sie für diese Arbeit viel Geld bekommen, aber es ist ihre einzige Überlebenschance… Nicht selten liegt mitten über dem Weg ein Hund langausgestreckt und schläft, manchmal auch ein Mann, notdürftig mit einem schmutzigen Lappen oder einer Zeitung zugedeckt. Weder Hund noch Mensch finden Beachtung. Sie könnten auch tot sein.

Zwischen den Schuppen liegen noch engere Gassen – grau und düster, schmutziger Boden, dazwischen Leinen kreuz und quer, auf denen Wäschestücke hängen, deren Farben längst verblasst sind, das Weiß zum Grau mutiert. Die Hauswände der vierstöckigen, einst weiß gestrichenen Gebäude sind dunkel, voller breiter schwarzer Streifen, hervorgerufen durch die ständige Feuchtigkeit, die hier herrscht und die aus der Enge dieser Schächte nicht entweichen kann. Die Fenster schwarze Löcher mit Gitterstäben davor. Kabel und Rohre verlaufen scheinbar planlos an den Wänden entlang. Es ist bedrückend, und in meinem Kopf formt sich das Wort Slum. Es fühlt sich hoffnungslos und traurig an.
Kurz vor der Einbiegung in die Straße, in der nur 200 Meter weiter die weiße drei-etagige Villa mit einem Glaskuppeldach des Yogazentrums steht, hole ich noch einmal tief Luft und fange an langsam zu zählen. Ungefähr bei 15 kann ich wieder ausatmen, dann bin ich an den zwei zerbeulten Mülltonnen vorbei, vor denen sich der stinkende Abfall häuft. Manchmal wühlt darin ein Hund, eine Ziege oder auch eine Kuh nach Essbarem. Frische Luft gibt es hier nie. Trotzdem atme ich auf. Als hätte es die Gasse nie gegeben, beginnt eine Reihe mit Villen. Die Schule gegenüber macht einen gut erhaltenen Eindruck und wirkt einladend. Es ist eine teure Privatschule… Hier die eine, dort, übergangslos, eine andere Welt.

Auf dem Weg zurück ist es noch dunkler und ich gebe mich betont gleichgültig und sicher. Mein Gesicht ist eine Maske. Im Innern bin ich bereit, jeden, der mir zu nah kommt, meine Wasserflasche über den Schädel zu ziehen, haha. Ich überlege, ob mir jemand zu Hilfe kommen würde und tendiere zum Nein. Zu sehr darauf konzentriert, lässig zu wirken, habe ich die erste Quergasse verpasst. Von rechts kommt ein Motorfahrer geschossen. Beim Ausweichen gerät er ins Schleudern, aber zum Glück, nichts passiert. Ich zucke nicht mal. Die Gasse ist vom letzten Monsun völlig aufgeweicht. Der Matsch spritzt an meine nackten Fersen und ich versuche, die größten Pfützen zu umgehen, was kaum möglich ist. Hier ist alles ein einziger schmutziger See. (Fortsetzung Seite 2)

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Eine Antwort »

  1. Liebe Anne , das ist eine super Beschreibung, so plastisch und ich fuehle mich als wuerde ich selbst dort herum laufen. Irgendwie ist es ja in vielen von diesen asiatischen Staedten aehnlich, aber es gibt wohl Unterschiede. In Kalkutta fand ich es z.B. nicht so extrem als wir dort durch fuhren.

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