Erscheinung

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Wahrscheinlich wünscht sich jeder Talente, über die er nicht verfügt. Ich wünsche mir manchmal, ich wäre ein guter Zeichner. Besonders hier, wo ich oft nicht einfach meine Kamera zücken und eine Szene oder ein Bild für immer digital bannen kann…

Es passiert oft, dass ich an Kreuzungen Bettler zwischen den Autos entlangwandern sehe, die versuchen während der Rotphase ein bisschen Geld von den Insassen der Autos zu erhaschen. Meistens suche ich dann fieberhaft in meinem Portemonnaie nach einem Schein, aber meistens sind wir schon wieder in Fahrt, bevor der Bettler oder die Bettlerin es bis zu unserem Auto geschafft hat. Das ist immer ein bisschen ein frustrierendes Gefühl, zum einen möchte ich wirklich gern helfen, auch wenn es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist, zum anderen fühle ich mich albern dabei, weil diese Geste so etwas ungewollt Gönnerhaftes hat. Ich frage mich auch, was sich wohl der Fahrer denken möge, angesichts meiner meist misslingenden Versuche. Mit der Zeit habe ich aufgegeben und hoffe einfach, niemand klopft an unsere Autoscheibe.

Dieser Bettler fiel mir auf, als wir an die Kreuzung fuhren: Eine spindeldürre, in ein schmutziges, orangefarbenes Mönchsgewand gewickelte Gestalt, lockiges langes und verfilztes grau-schwarzes Haar, eine grotesk große Brille…

Ich gebe zu, ich war zu träge, um in meiner großen Tasche nach der Geldbörse zu kramen und ich hoffte, der Typ würde nicht auf meine Seite kommen. Ich schaute auf den Fleck, wo er eben noch gestanden…

Plötzlich klopft es an das Autofenster und als ich den Kopf drehe, ist da, ganz nah vor mir, förmlich an die Autoscheibe gepresst, das Gesicht des Bettlers. Seine Augen stechen förmlich durch diese absurde Brille, die aussieht, als wäre sie wirklich noch aus Horn gefertigt.

Fieberhaft wühle ich in meiner Tasche nach dem Portemonnai, krame einen Schein heraus und lasse die Scheibe herunter. Der Mann drückt das Geld gegen seine Stirn, lässst den Schein zwischen den Falten des Tuches verschwinden und humpelt schnell davon.

Plötzlich bin ich mir nicht mehr sicher; die Schnelligkeit, mit der um das Auto herum auf meine Seite gekommen ist, die Hast, mit der er sich abgewendet hat. Ich versucht, mir noch einmal sein Gesicht zu vergegenwärtigen. Es wirkte nicht so alt, wie ich dachte, als ich ihn von Weitem gesehen hatte.

Stimmt etwa, was eine indische Freundin mir geantwortet hatte, als ich sie auf die Bettler in den Straßen von Chennai aufmerksam machte?! Nach einem längeren Zögern meinte sie: „Es mag Ausnahmen geben, aber die meisten diese Bettler sind reich. Sie sind faul aber clever. Mit Betteln verdienen sie ihr Geld viel leichter als mit Arbeit.“

Ich hatte das für eine typische Ausrede einer gutsituierten Mittelklasse-Inderin gehalten…

Wahrscheinlich werde ich die Wahrheit nie erfahren, dafür müsste man sich in die Welt der Bettler begeben und so abenteuerlustig bin ich ganz bestimmt nicht. Es tut mir auch überhaupt nicht leid um das Geld, aber der Gedanke, emotional erpresst zu werden, wie das auch in anderen Situationen hier oft passiert, ist unangenehm.

Das Bild des Bettlers jedoch geht mir nicht aus dem Kopf. Und da ich nicht malen oder zeichnen kann, musste ich darüber schreiben.

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