Catharina

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Sie ist 19 Jahre jung, Anglo-Inderin und besucht ein christliches College. Sie möchte in Australien studieren und sie hat das Zeug dazu. Vielleicht schafft sie es, das begehrte Stipendium zu ergattern. Dafür lernt sie hart und vertrödelt ihre Zeit nicht mit Freunden, im Kino, beim Shopping. Stattdessen sitzt sie von 6 Uhr abends oft bis lange nach Mitternacht in ihrem winzigen Zimmer und lernt.

Davor hilft sie im Haushalt, kocht Reis und wärmt den Curry auf, das ihre Großmutter gegen ein kleines monatliches Entgelt für ihre Familie kocht. Ihre Familie, das sind ihre 48 Jahre alte Mutter, der 17-jährige Bruder und sie.

Ihre Mutter arbeitet als Haushaltshilfe. Catharina sagt über ihre Mutter: „She is a servant. She know nothing. She is uneducated.“  (Sie ist eine Dienerin. Sie weiß nichts. Sie ist ungebildet.)  Das klingt hart, aber Catharina liebt ihre Mutter. Sie vertraut ihr. Und jetzt, seitdem sie auch etwas Geld als „servant“ verdient, ist es für Catharina selbstverständlich, dass sie ihren Verdienst an ihre Mutter übergibt.

Ihre Mutter stammt aus einem anderen Bundesstaat, viele Zugstunden von Chennai entfernt. Sie ist eine Hindu. Mit 19 Jahren heiratet sie einen anglo-indischen Pfarrer und zieht mit ihm nach Tamil Nadu. Ihre gemeinsame Tochter ist zwei Jahre alt und die Mutter mit dem zweiten Kind schwanger, als der Mann sie verlässt und sich in einer anderen Stadt mit einer neuen Frau niederlässt.

„Nimm nichts mit. Keinen Goldschmuck, keine Armreifen, keine Ausstattung. Komme mit dem Sari, den du auf dem Leib trägst!“, hatte ihr Vater zur Mutter gesagt, worauf ihre Familie auf die Gabe einer Mitgift verzichtete. Das wird der jungen Ehefrau nun zum Verhängnis. Da sie nichts mit in die Ehe gebracht hat, werfen sie die Verwandten des Mannes aus dem Haus der Familie. Die schwangere Mutter endet auf der Straße. Wie viele Obdachlose haust sie in einer Hütte am Strand und lebt von Abfällen. Das Kind wird geboren. Ein Junge.  Eines Morgens, die Tochter schläft noch, wickelt sie sich das kleine Bündel in ihren Sari und läuft ins Wasser. Sie kann nicht schwimmen. Ein Fischer zieht sie an Land zurück, redet ihr ins Gewissen, zeigt auf den Jungen: „Du hast eine Aufgabe.“

Sie findet Arbeit, spart jeden Cent, schafft es aus dem Slum heraus in eine kleine Wohnung mit Küche und Toilette. Als ersten Einrichtungsgegenstand kauft sie eine Waschmaschine. Das spart Zeit. Der Kühlschrank gehört dem Bruder, der in seiner Wohnung keinen Platz dafür hat.
Ihr größter Stolz aber sind die Kinder. Catharina, die die Erste in ihrer Familie ist, die je ein College besucht hat. Andere Verwandte mögen mehr Geld haben, aber die Kinder besuchen weiterhin die schlecht ausgestatteten staatlichen Schulen.

Die Mutter bittet niemanden um Hilfe. Als ihr Ehemann stirbt, bettelt die Frau, mit der er bis zu seinem Tod gelebt hat, um Geld. Und die Mutter gibt. Nicht für die Frau, aber für die Kinder ihres Mannes, die sie auch als ihre Kinder ansieht. Sie war verzweifelt, sicher wütend, ein Leben lang enttäuscht. Aber sie sagt: „Mein Mann war gut. Er hat nicht getrunken, nicht geraucht. Er hat gearbeitet. Er war gläubig. Sein einziger Fehler war, dass er mich verlassen hat. Aber ich bin immer noch seine Frau.

 

Ich habe Catharina getroffen. Die drei Stunden, die wir miteinander gesprochen haben, muss ich bezahlen. Ihre Mutter würde ihr nicht glauben, dass wir einfach nur geredet haben. Zwischen einer „Ma’am“ (der allgemein üblichen Bezeichnung für ausländische Frauen) und der Tochter einer Dienerin gibt es das nicht. Das muss auch ich verstehen.  Auch im 21. Jahrhundert.

Andersherum: Auch meine Bekannten würde es nicht verstehen. Mit Haushaltshilfen und Fahrern hat man als Expatrian (im Ausland Lebender) üblicherweise Ärger (zu haben): Einige der allgemeinen Vorurteile lauten: Die Inder sind langsam, faul, unehrlich, unverschämt (sie wollen immer mehr Geld), nie um Ausreden verlegen, wenn sie einen Fehler gemacht haben, sie sprechen kein Englisch… Fast gehört es zum guten Ton, sich über die Angestellten zu beschweren.

Vorurteile gegenüber Ausländern sind: Sie sind reich, geizig, launisch. Man sollte sie nicht verärgern (und sie haben keine Geduld). Man kann ihnen nicht trauen, aber wenn man es richtig anstellt, ist viel Geld aus ihnen herauszuholen.

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  1. Hallo, Annette,
    ich bin beeindruckt. Dieses Land und die Menschen zu verstehen ist wohl nicht möglich, aber sehr interessant mal davon zu hören und die Bilder zu betrachten.
    Du machst das ganz toll! Werde öfter mal reinschauen.
    Bruß aus Berlin von der großen Maria.

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